Aggressives Kind: Erziehungstipps & Therapien

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Es gibt Eltern, die sich fragen: “Habe ich ein aggressives Kind?” Das Kind schlägt seine Geschwister, beißt andere Kinder, hat extreme Wutanfälle und schreit lautstark herum. Welche Erziehungstipps und Therapien helfen bei einem so aggressiven Kind?

Sind Aggressionen altersabhängig?

Schon Säuglinge können ab einem Alter von sechs Monaten ihren Ärger ausdrücken. Sie wollen jedoch niemanden damit schädigen, sondern zeigen ihre Bedürfnisse an. Mit einem Alter von zwei bis drei Jahren sind Wutanfälle und aggressives Verhalten an der Tagesordnung und richten sich gezielt gegen Erwachsene und andere Kinder, wie Geschwister. Mit dem sechsten Lebensjahr zeigen sich geschlechtstypische Muster beim aggressiven Verhalten. Bei Jungen zeigt sich das aggressive Verhalten in einer offenen und körperlichen Form, während die Mädchen verdeckt und verbal agieren. Mädchen verbreiten Lügen und Gerüchte, um anderen gezielt zu schaden bzw. auszuschließen.

Aggressives Verhalten bei Kindern und Jugendlichen wurde genau untersucht. Die KiGGS/Bella-Studie stellte fest, dass bei bis zu acht Prozent der unter 17-Jährigen aggressives Verhalten an der Tagesordnung ist. Die Aggressionen zeigen sich in der Anwendung verbaler Gewalt, Diebstählen, Mobbing und physischen Angriffen.

In der Pubertät sind Aggressionen in der Regel weniger vorhanden. Die Selbstkontrolle und die die Aggressionen hemmenden Mechanismen werden im Laufe der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen erlernt. Kleine Kinder drücken ihre Gefühle und Emotionen dagegen, in der Regel, direkt aus. Allerdings fallen Aggressionen in der Pubertät heftiger aus, als im Kleinkindalter. Die Gründe liegen in der:

  • Gewährung von mehr Freiheiten
  • Mehr finanziellen Spielraum
  • Gewachsenen körperlichen Kraft
Die Aggressionen können sich bei einem aggressiven Kind durch Mobbing oder physische Angriffe äußern.

Die Aggressionen können sich bei einem aggressiven Kind durch Mobbing oder physische Angriffe äußern. (#02)

Ein aggressives Kind ist also am häufigsten im Vorschulalter zu finden. Am gravierendsten sind die aggressiven Ausbrüche jedoch im Jugendalter und im ersten Stadium des Erwachsenenalters. Es gibt Kinder, die durch mehrmaliges ungehorsames, trotziges und feindseliges Verhalten gegenüber Autoritätspersonen auffallen. Experten nennen das oppositionelles Trotzverhalten. Auch hierbei handelt es sich um ein aggressives Kind.

Oppositionelle Kinder reagieren schnell wütend, rasten schlichtweg aus und widersetzen sich allen Regeln.

Kinder mit einer Störung im Bereich des Sozialverhaltens hingegen drücken ihre Aggressionen durch Körperverletzungen, Tierquälerei, Waffengebrauch und Einschüchterungen aus. Bei Kindern, die ein oppositionelles Trotzverhalten zeigen, entwickeln rund 50% eine Störung im Sozialverhalten. Legt bereits ein kleines Kind ein aggressives Verhalten an den Tag, behält es dieses meist auch bei. Werden Kinder bereits im Alter von 14 Jahren kriminell, steigt das Risiko für eine dauerhafte kriminelle Karriere.

Typisch ist das oppositionelle Trotzverhalten jedoch für die frühe Kindheit, der sogenannten Trotzphase und der Pubertät.

Die Diagnose in Richtung Verhaltensstörung ziehen Psychiater meist erst in Betracht, wenn das Verhalten des aggressiven Kindes schwerwiegende Folgen hat und häufiger Auftritt als bei Kindern der gleichen Altersstufe. Das aggressive Verhalten muss die Lebensbereiche Familie, soziales Umfeld und Schule stark belasten und über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten auftreten.

Ein aggressives Kind kann viele Gründe haben

Wichtig zu wissen ist, dass ein aggressives Verhalten bei Kindern und Jugendlichen viele Ursachen haben kann. Deshalb muss jedes Kind einzeln untersucht werden.

Als Aggression wird die egoistische Durchsetzung eigener Bedürfnisse verstanden, mit dem Ziel andere bewusst zu schädigen und zu verletzen. Doch ein aggressives Kind kann auch anzeigen, dass es sich unsicher fühlt oder Angst hat. Diese Kinder fühlen sich bedroht und gehen in eine Abwehrhaltung, aus einer sozialen Unsicherheit, heraus.

Ein aggressives Kind: Zweifelt es an der Zuneigung?

Fühlt sich ein Kind bedroht, löst das in ihm ein inneres Spannungsgefühl aus. Der folgende Wutausbruch hilft, die Spannung wieder abzubauen. Kinder, die so reagieren, zweifeln oft an der Zuneigung ihrer Umwelt. Sie fordern ein Übermaß an sozialer Anerkennung für sich ein. Ein aggressives Kind hat so ein Mittel gefunden, um für sich Respekt und Wertschätzung einzufordern. Reagiert das Umfeld mit eben diesem Respekt, Angst oder sogar einem sich unterwerfenden Verhalten, wird dieses Verhaltensmuster sich stabilisieren und auch in Zukunft angewendet werden, weil es erfolgreich war. Bestehen innerhalb der Familie Konflikte oder Krisen kann das ebenfalls ein Auslöser für aggressives Verhalten sein. Kinder, welche sich in Familienkrisen befinden, neigen eher zu aggressivem Verhalten.

Schwere Belastungssituationen innerhalb der Familie, wie Arbeitslosigkeit, Krankheit oder sozialer Notstand beeinflussen ebenfalls das Erziehungsverhalten von Eltern und können so zu aggressiven Kindern führen. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass aus dem aggressiven Verhalten der Eltern in der belastenden Situation sich ein aggressives Verhalten beim Kind entwickelt.

Konflikte oder Spannungen innerhalb der Familie können für ein aggressives Kind Auslöser für Wutausbrüche sein.

Konflikte oder Spannungen innerhalb der Familie können für ein aggressives Kind Auslöser für Wutausbrüche sein. (#01)

Weitere Ursachen für ein aggressives Verhalten können sein:

1. Vernachlässigung und Misshandlung
2. ein Umzug oder
3. ein Schulwechsel.

Bei einigen Kindern spielen auch genetische Faktoren eine große Rolle.

Impulsive Jugendliche lernen aus ihren Erfahrungen weniger und können auch die Konsequenzen schlechter abschätzen. So wird ein Jugendlicher schnell zum Störenfried und als aggressiv und nicht zu kontrollieren erlebt. Diese Jugendlichen sind wenig beliebt und sind häufig selbst Opfer von anderen aggressiven Kindern. Daraus entsteht oft genug ein Teufelskreis aus Unbeliebtheit und aggressivem Verhalten.

Mit zwei Jahren lernt ein Kind soziales Verhalten. Es testet erste Grenzen aus und möchte sich durchsetzen. In dieser Lebensphase des Kindes ist die Aggressivität mehr oder weniger stark ausgeprägt. Entwickelt sich daraus jedoch eine blinde Zerstörungswut und werden andere Personen zur Zielscheibe, ist die Belastung für die Familie groß. Dabei kommt ein aggressives Verhalten bei Jungen häufiger vor als bei Mädchen. Jungen prügeln sich, Mädchen beschimpfen, beleidigen und kränken. Wissenschaftler meinen, der Ursache von aggressiven Kindern auf die Spur gekommen zu sein. Genetische Anlagen beeinflussen das Verhalten aggressiver Kinder. Auffälliges Verhalten wurde über Generationen hinweg beobachtet.

Doch der überwiegende Teil der aggressiven Kinder wird durch sein familiäres Umfeld beeinflusst. In diesen Situationen zeigt sich ein Kind aggressiv:

  • Das Kind will sein Ziel erreichen.
    Eine typische Situation zeigt sich beim Einkaufen. Das Kind möchte Süßigkeiten und bekommt einen Wutanfall. Die Eltern möchten kein Aufsehen und geben rasch nach. Doch genau dadurch verstärken die Eltern das negative Verhalten des Kindes. Das Kind hat gelernt, dass sich der Wutanfall gelohnt hat.
  • Das Kind entgeht mit Aggressionen unangenehmen Situationen.
    Der Vater weist seinen Sohn darauf hin, dass er sein Zimmer endlich aufräumen soll. Der Junge bekommt daraufhin einen Zornesausbruch und beginnt das Diskutieren. Der Vater lenkt rasch ein und räumt selbst auf. So lernt der Junge, dass er sich durch Aggressionen vor unangenehme Arbeiten drücken kann. Sein Handeln hat sich also für ihn gelohnt und wird sich auch in Zukunft wiederholen.
  • Auch bei Problemen im Elternhaus zeigt sich ein Kind oft aggressiv.
    Die Eltern sind die Vorbilder für ein Kind. Zeigen die Eltern aggressives Verhalten, werden es die Kinder übernehmen. Schlägt ein Vater seine Frau und seine Kinder, wird ein Junge dieses Verhalten kopieren, weil er es mit Macht assoziiert.
  • Sind sich Eltern in der Erziehung nicht einig, verwirrt das die Kinder.
    Es fehlt an klaren Linien und Strukturen, an denen sie sich halten können. Das Kind reagiert aggressiv.
  • Werden Kinder mit Gleichgültigkeit und Liebesentzug bestraft, entsteht Stress für das Kind und es reagiert aggressiv.
    Kinder wollen geliebt werden.
  • Auch häufig wechselnde Beziehungen und fehlender Kontakt zu Bezugspersonen können ein aggressives Kind erzeugen.
    Es fehlt die Sicherheit für das Kind.
  • Erziehungsfehler, wie eine grenzenlos eingeräumte Handlungsfreiheit oder übermäßiger Medienkonsum können zu Aggressionen führen.
    Es fehlen die Grenzen, die dem Kind Sicherheit geben.
Ist das eigene Kind aggressiv, kann Hilfe von Außen eine Möglichkeit sein.

Ist das eigene Kind aggressiv, kann Hilfe von Außen eine Möglichkeit sein. (#03)

Ein aggressives Kind und nun? Was tun?

Kinder beurteilen ihr Verhalten meist nicht als aggressiv. Schuld sind die Eltern, Lehrer oder die anderen Kinder. Nur nicht sie eben. So entsteht ein Teufelskreis. Aggressive Kinder beanspruchen ihr Umfeld überdimensional und verursachen gestresste Eltern. An diesem Punkt angelangt, fällt es Eltern oft schwer, angemessen auf das aggressive Verhalten des Kindes zu reagieren.

Das Kind spürt das und versucht, Aufmerksamkeit durch Provokation zu erzielen.

Bleibt ein Kind über lange Zeit aggressiv, verhindert das die Ausbildung der Fähigkeit, Probleme konfliktfrei lösen zu können. Kinder mit einem aggressiven Verhalten werden oft von Gleichaltrigen abgelehnt und sind in der Schule wenig erfolgreich. Externe Personen können hilfreich sein. Das können Familienangehörige sein, Berater, Lehrer oder ein Psychiater. Menschen, die einen Großteil des Tages mit dem Kind verbringen, können wichtige Hinweise geben auf die Einflussfaktoren und Ursachen.

Wichtig ist, dass die Eltern durch ein Verhaltenstraining mit dem Kind üben, wie es Probleme und Konflikte anders lösen kann. Meist sind die Kinder mit ihrem eigenen Verhalten nicht glücklich.

Aggressives Kind: Welche Möglichkeiten gibt es, Aggressionen erfolgreich abzubauen?

Entspannung Ein aggressives Kind lebt unter einer enormen Anspannung. Es ist rastlos. Hilfreich sind Entspannungsübungen, wie autogenes Training oder am Abend eine Entspannungs-CD hören.
Alternativen zu seinem Handeln Kinder verstehen die Signale ihrer Umwelt nicht und nehmen sie deshalb undifferenziert wahr. Sie müssen lernen, das Verhalten anderer zu deuten, um es zu verstehen. Dazu eignen sich Rollenspiele, in denen angemessenes Verhalten erlernt wird. Autoritäres Schlichten durch Erwachsene ist dagegen nicht hilfreich.
Stärkung des Selbstwerts Ein aggressives Kind hat oftmals wenig Selbstwertgefühl. Deshalb versuchen diese Kinder, mit aggressivem Verhalten auf sich aufmerksam zu machen und sich durchzusetzen. Eltern, Lehrer und das gesamte Umfeld müssen das Kind für angemessenes Verhalten loben. Kinder sind auf dieses Lob angewiesen. So erfahren sie, dass sie wertvoll sind und wertgeschätzt werden.
Sich selbst kontrollieren lernen Wenn Kinder in ihrem Leben alle Probleme mit Gewalt gelöst haben, fällt es ihnen schwer, an die Macht des Wortes zu glauben. Probleme werden lieber durch körperliche Überlegenheit als verbale Auseinandersetzungen gelöst. Diese Kinder müssen lernen, ihre geistigen Fähigkeiten zu nutzen. Konsequenz ist hierbei wichtig. Kein Fehlverhalten darf toleriert werden.
Empathie schulen Jede Situation sollte objektiv beurteilt werden. Das ist nicht leicht und vielfach von Subjektivität geprägt. Um zur Objektivität zu gelangen, benötigt es Einfühlungsvermögen in das Gegenüber. Kinder mit aggressivem Verhalten besitzen diese Fähigkeit nicht. Diese Kinder müssen sich mit ihren und den Gefühlen anderer auseinandersetzen. Was bedeutet es, traurig oder ängstlich zu sein? Welche Mimik hat mein Gesicht dann oder wie reagiert mein Körper? Was kann ich in dem Gesichtsausdruck anderer lesen?

Jedes Kind braucht Grenzen und ganz besonder ein aggressives Kind. Hat das Kind den gewaltlosen Umgang mit Konflikten gelernt, sollten die Eltern durch einen glasklaren Erziehungsstil mit klaren Regeln und Strukturen glänzen. Das gibt Kindern die Sicherheit, die sie benötigen. Von den Eltern verlangt das Disziplin und den bewussten Umgang mit ihrem Kind.


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Über Rebecca Liebig

Rebecca Liebig

Rebecca Liebig ist gerade im achten Monat schwanger. Voller Vorfreude auf ihr Baby genießen sie und ihr Mann die spannende Zeit. Von der ersten Übelkeit bis hin zu den Bewegungen ihres Mädchens halten sie alles fest. Schließlich möchte man sich später ja auch an diese Zeit erinnern. Bei der Planung des Kinderzimmers gehen die Vorstellungen zwar auseinander. In einem sind sich Rebecca und ihr Mann jedoch einig: Die aufregende Zeit wollen sie so richtig genießen. Rebecca plant, drei Jahre mit ihrer Tochter zu Hause zu bleiben. Auch ihr Mann möchte zwei Monate Elternzeit nehmen.

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